Der Vorort im Gespräch: Scientia – Online-Diskussion zur UG-Novelle am 3.12.2020

In der Veranstaltungsreihe „Der Vorort im Gespräch“ fand am 3.12. abends eine online-Diskussion zum Prinzip Scientia statt, mit dem Thema „Die Universitätsgesetznovelle und die Corona-Neuerungen auf den Hochschulen“. Zur Diskussion eingeladen waren Sabine Hanger (Aktionsgemeinschaft), die neue Bundesvorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft, Julian Unterweger (JUNOS), Referent für Bildungspolitik der ÖH, Cbr. Univ.-Prof. Dr. Marko Mihovilovic v/o Columbus, Rt-D, Dekan der Fakultät für Technische Chemie an der TU Wien, und der Unterzeichnete als Amtsträger für Hochschulpolitik. Die Moderation übernahm in gewohnt souveräner Weise der hohe VOP, Cbr. Nikolaus Dorfstetter v/o Malmer, Ne.

Das Thema war auch deshalb von besonderer Aktualität, weil die Novelle zum Universitätsgesetz erst zwei Tage zuvor, am 1.12., offiziell vorgestellt und zur Begutachtung ausgesandt worden war. Der Moderator hatte im Vorfeld einige Fragen formuliert und an die Diskussionsrunde ausgeschickt; diese wurden im ersten Teil der Veranstaltung der Reihe nach besprochen. Während dieser Zeit konnte das Publikum Fragen formulieren; diese wurden vom Vorortsteam gebündelt und den Diskutanten im zweiten Teil des Abends vorgelegt.

Zur ersten Frage, warum kam es überhaupt zu einer UG-Novelle, wo von wem Handlungsbedarf gesehen wurde und was in der UG-Novelle fehlt, wurde angemerkt, dass das UG seit 16 Jahren in Kraft sei und sich seitdem vieles geändert habe, vor allem seien die Studierendenzahlen markant gewachsen. Auch die Zahlen der Studienabbrüche und die reale Dauer der Studien hätten auf Handlungsbedarf hingewiesen; die Regelstudiendauer sei kaum einzuhalten, und auch Berufstätigkeit und Betreuungspflichten der Studierenden seien zu berücksichtigen.

Die zweite Frage bezog sich auf die Vorgabe, dass ab dem Wintersemester 2021/22 Studierende einen Studienerfolg in der Höhe von 24 ECTS in den ersten zwei Jahren benötigen und die Mindestanzahl an Prüfungen pro Lehrveranstaltung von 3 auf 2 reduziert werden soll. Hier wurde allgemein bedauert, dass das Thema Mindeststudienleistung alles andere in den Hintergrund gedrängt hat. Das Kriterium für den Mindeststudienerfolg wurde einhellig als zahnlos bezeichnet; allein für die Familienbeihilfe sind höhere Leistungen gefordert. Seitens der Studierenden wurde bessere Beratung der Studieninteressierten gefordert; Cbr. Columbus erläuterte die Beratungstätigkeit, die seit 2018 an seiner Fakultät sehr erfolgreich durchgeführt wird. Die Studierenden bezeichneten das als best-practice-Modell, das von anderen Universitäten übernommen werden sollte; solche Initiativen hätten auch in der Novelle abgebildet werden können. Auch für die Prüfungsorganisation wurden best-practice-Modelle vorgestellt, wobei die 2 Termine pro Semester ein absolutes Mindestmaß darstellen, das in der Praxis sinnvollerweise überschritten werden muß. Die Bestimmung, dass die Prüfungstermine bereits vor Semesterbeginn festgelegt werden müssen, wird die Planung für die Studierenden erleichtern; die freie Vereinbarung von zusätzlichen Terminen zwischen Vortragenden und Studierenden sollte dadurch aber nicht behindert werden.

In der dritten Frage wurden die Wiederbestellungsmodalitäten der Rektoren und die Erweiterung ihrer Kompetenzen sowie die Altersgrenze diskutiert. Dass bei der ersten Wiederbestellung der Senat nicht mitentscheiden darf, wurde allgemein kritisch gesehen. Eine Rektorin oder ein Rektor gegen den Willen des Senats wiederzubestellen wäre keine gute Voraussetzung für zukünftige Zusammenarbeit und würde auch darauf hinweisen, dass sie/er ihre Pläne nicht ausreichend vermitteln konnte. Hier erscheint eine Beibehaltung der bisherigen Routine wünschenswert.

Dass die Rektoren Richtlinien zu Studienplänen vorgeben dürfen, lässt sich damit begründen, dass sie die ja bei den LV verhandeln und dann auch die Ressourcen beistellen müssen; seitens der Studierenden wurde angeregt, die Senate stärker in die LV einzubinden. Die Altersgrenze von 70 Jahren wurde unterschiedlich eingeschätzt, erschien aber allgemein nicht als wesentlicher Punkt. Seitens der Lehrenden wurde das UG insgesamt als erfolgreich eingeschätzt; die aktuellen Studierendenzahlen wären unter den alten Bedingungen nicht zu bewältigen gewesen. Auch die Präzisierung der Kettenvertragsregelung wird positiv gesehen, weil die Personen in Leitungsfunktionen dadurch rechtzeitig klare Entscheidungen bezüglich Karriereperspektiven treffen müssen.

Die nächste Frage zielte auf die im Vorfeld der Novelle aufgetretene öffentliche Verunsicherung aufgrund von Leaks aus den Universitäten. Hier wurde betont, dass in Fällen wie diesem, wenn Meinungen aus einem doch recht großen Kreis an Personen eingeholt werden, es unvermeidlich ist, dass etwas davon in die Medien gelangt, vor allem das, was irgendjemandem nicht passt. Es gab auch sehr viel Desinformation und unrichtige Berichterstattung, was weitere Verwirrung gestiftet hat. Da sich die Öffentlichkeit, v.a. die Medien, an der Mindeststudienleistung festgebissen hat; sind andere Punkte eher untergegangen.

Das zweite große Thema des Abends betraf die Änderungen an den Universitäten aufgrund der Pandemie. Diese wurde durchaus auch als Chance gesehen; vor allem in der Lehre war plötzlich vieles möglich, was bisher nicht oder nur schleppend implementiert worden war. Es hat sich aber auch klar gezeigt, dass bei der Infrastruktur Handlungsbedarf besteht, hardware- und softwaremäßig wie Lernplattformen, Zugang zu Datenbanken etc. Insgesamt haben die Universitäten den lockdown gut bewältigt; Probleme gibt es noch bei schriftlichen Prüfungen. Es wird sich aber nicht alles online abhalten lassen, z.B. Laborübungen; auch der direkte persönliche Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden sowie den Studierenden untereinander wird langfristig nicht zu ersetzen sein, und das gemeinsame Feiern wird schmerzlich vermisst.

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurde zunächst gefragt, was sich die DiskutantInnen als Idealzustand der Uni-Organisation wünschen. Es wurde festgestellt, dass die aktuelle an sich ganz gut klappt; wünschenswert wären eine höhere Verbindlichkeit und generell mehr Visionen. Die Frage, was die Studierenden von der Novelle hätten, wurde dahingehend beantwortet, dass das Studium besser planbar werde und die ECTS gerechter bewertet würden. Auch die Anrechnungen würden durch die Beweislastumkehr erleichtert, doch wurde hier angemerkt, dass dies nur zwischen Universitäten sinnvoll erscheine, nicht jedoch für Anrechnungen aus dem sekundären Bildungssektor.

Der Vorschlag, ehrenamtliche Tätigkeit für die 24 ECTS anzurechnen, wurde eher kritisch gesehen; Ehrenamtlichkeit ist persönlichkeitsbildend, das braucht man nicht für die fachliche Ausbildung, es ist auch nicht in ECTS zu bewerten. Wo Ehrenamtlichkeit in Servicetätigkeit umschlägt, sollte sie monetär abgegolten werden, das wäre ehrlicher.

Die Bewertung der verkürzten Berufungsverfahren nach §99a wurde v.a. bezüglich der Ausschaltung des Senats kritisch gesehen; andererseits wird die Möglichkeit geboten, gezielt headhunting zu betriebe, wie es die Spitzenuniversitäten tun. Ein weiteres Charakteristikum dieser Unis ist die Verbindlichkeit; es wird Lehrenden und Lernenden viel geboten, aber es werden auch entsprechende Leistungen gefordert.

Besondere Vorteile aus der UG-Novelle werden bei jenen Studiengängen gesehen., bei denen derzeit die größten Differenzen zwischen Regel- und realer Studienzeit bestehen und wo die Bewertung der Lehrveranstaltungen nach ECTS am wenigsten realistisch erscheint; das sind v.a. jene Studien, bei denen besonders viele Einzelleistungen gefordert werden.

Die letzte Frage aus dem Publikum bezog sich auf das Problem der „alternativen Fakten“ (= fake news) und was man dagegen tun müsse.  Hier wurde klar ausgesprochen, dass Akademiker Verantwortung haben; man muss der Gesellschaft erklären, wie Wissenschaft funktioniert und dass auch gute Wissenschaftler unterschiedlicher Meinung sein können. Hier ist jede und jeder einzelne gefordert; es sollte aber das Prinzip Scientia als Aufgabe auch für den Verband gesehen werden, ähnlich wie im deutschen CV.

Zusammenfassend stimmten die Diskutanten überein, dass die UG-Novelle keine dramatischen Änderungen bringt und im Großen und Ganzen zu begrüßen ist, allerdings wie erwähnt mit einigen Kritikpunkten. Zu bedauern ist jedenfalls, dass sich die öffentliche Diskussion in den Medien fast ausschließlich auf die Mindestanforderungen konzentriert hat; andere wichtige Punkte sind dagegen untergegangen. Insgesamt werde sehr viel davon abhängen, wie die Novelle in der universitären Praxis umgesetzt werden wird.

Herbert Danninger

ATHP